Geschichtliches

Schon seit Jahrhunderten prägt der etwas überhängende, wuchtige viereckige Westturm der St. Wilhadi-Kirche zusammen mit dem schlanken Turm von St. Cosmae die Stader Stadtsilhouette und wird im Volksmund „schiefer Turm von Stade" genannt.

Unsere Kirche St. Wilhadi hatte eine romanische Vorgängerin aus dem 11. Jahrhundert, die vermutlich als erste erzbischöfliche Kirche erbaut wurde, als Stade 1063 geistiges Lehen der Bremer Erzbischöfe wurde. Auch der Name macht den Bezug zu Bremen deutlich, denn der heilige Willehad war erster Bischof und Begründer des Bremer Bistums. Fundamentreste dieser ersten Wilhadikirche fand man 1986 beim Bau einer neuen Heizungsanlage.

Die heutige dreischiffige gotische Hallenkirche stammt aus dem 14. Jahrhundert. Ältester Teil der St. Wilhadi-Kirche aber ist vermutlich der Westturm, der stilistisch auf das späte 13. Jahrhundert als Bauzeit hinweist.

In der Folge wurde St. Wilhadi immer wieder von Blitzschlägen und Bränden heimgesucht. Bereits 1511 wurde der Turm von einem Blitzschlag getroffen, wobei auch Orgel und Glocken zerstört wurden. Zunächst wurde der Turm von zwei parallelen Satteldächern geschlossen, bevor 1576 eine hohe Turmspitze errichtet wurde, die von Holzschindeln gedeckt war.

Der Stader Stadtbrand von 1659 fügte der St. Wilhadi-Kirche großen Schaden zu. Die gesamte Innenausstattung, das Dach und die Turmspitze wurden ein Raub der Flammen. Der stark beschädigte Turm wurde 1673 durch eine barocke Turmspitze geschlossen, die dem heutigen Turm der St. Cosmae-Kirche nicht unähnlich war. Beide Turmspitzen wurden von Ratszimmermeister Andreas Henne gebaut.

Das Langhaus der Kirche blieb während des Brandes von 1659 erhalten, allerdings brannte das Innere der Kirche aus. Die neue Innenausstattung wurde einheitlich schlicht gehalten, der bis zum Gewölbe empor reichende, zweigeschossige Hauptaltar mit der zentralen Kreuzigungsgruppe und die Kanzel stammen aus Hamburger Werkstätten, sie wurden vom Hamburger Kaufmann Claus Wilkens gestiftet und 1660 gefertigt.

Schon für das Jahr 1322 ist für St.Wilhadi das Vorhandensein einer Orgel belegt. Von 1673-77 schuf der Stader Orgelbauer Behrendt Huß mit seinem Cousin Arp Schnitger eine neue Orgel für St. Wilhadi, die Schnitger nach dem Tode von Huß vollendete und später als sein Erstlingswerk ansah. Aber auch diese neue Orgel blieb, wie mehrere ihrer Vorgängerinnen, nicht lange in Betrieb.

Nach der Belagerung und dem Bombardement Stades durch dänische Truppen im Jahr 1712 waren wiederum der Turmhelm und die neue Orgel schwer beschädigt. Als alles gerade wieder in Stand gesetzt war, traf 1724 ein Blitz den Turmhelm, und der anschließende Brand vernichtete auch die Orgel.

Doch trotz aller Widrigkeiten ist heute ähnlich wie in St. Cosmae auch in unserer St. Wilhadi-Kirche eine Orgel der kulturhistorisch bedeutendste Schatz. Sie wurde 1731-36 vom vermutlich in Stade gebürtigen und beim Schnitgerschüler Matthias Dropa in Lüneburg ausgebildeten Meister Erasmus Bielfeldt erbaut. Nach der Restaurierung des Orgelwerkes durch Jürgen Ahrend von 1990 hat sie heute wieder ihr historisches Klangbild.

Das Kircheninnere wurde 1958-60 und 1991 restauriert und auch ein Teil der alten Deckenbemalung konnte wiederhergestellt werden.

Trotz des gewaltigen Granitfundaments und der drei Meter dicken Wände des mächtigen, quadratischen Turms ist das Mauerwerk über die Jahrhunderte auseinander gewichen, so dass es oben breiter ist als am Sockel. Das führte zu dem leichten aber statisch unbedenklichen Südwestüberhang, der ihm den Beinamen „schiefer Turm von Stade" einbrachte.

Übrigens wurde St. Wilhadi bereits 1529 - nur zwölf Jahre nach Luthers Thesenanschlag in Wittenberg - evangelisch-lutherisch. Die Reformation in Stade ging größtenteils von den Praemonstratenser-Mönchen des Stiftes St. Georg (am Pferdemarkt) aus. Schon im Frühjahr 1520 findet man den Praemonstratenser Johannes Ossenbrügge in den Immatrikulationslisten von Wittenberg, wo Luther lehrte. Ossenbrügge war einer der beiden ersten lutherischen Geistlichen in Stade. Der andere hieß Johannes Hollmann. Beide sind für 1522 bzw. 1523 als lutherische Prediger an St. Nicolai nachzuweisen. Hollmann heiratete 1522 und wurde 1529 1. Prediger an St. Cosmae (sogenannter Rector), Jakob Elvers im selben Jahr erster lutherischer Prediger an St. Wilhadi. Insgesamt geschah der Übergang von der katholischen zur lutherischen Lehre in Stade schrittweise und ohne große Konflikte.